Sandra

Meine Mutter hat zum zweiten mal geheiratet.
Oder zum dritten oder zum Vierten.
Ich weiß das wirklich nicht genau, ich bringe das immer durcheinander.
Außerdem erzählt sie mir das immer erst, wenn sie es schon getan hat, kein Wunder, daß man da den Überblick verliert.

Der Sudanese hat dann endgültig alles durcheinander gewirbelt.
Auch vor dem Sudanesen war es nicht einfach. Mein Vater war schon weg, bevor ich mich an ihn erinnern konnte.
Dann kamen viele.
Südländische Macho-Typen. Unterdrücker. Schläger.
Ich weiss nicht, wie viele es wirklich waren, an ein paar kann ich mich gut erinnern, einige sind nur schemenhaft vor meinem geistigen Auge.
Meine Mutter steht auf solche Männer.
Aber sie schlägt auch zurück.
Mich.
Sagt nie, ich liebe dich, sagt nie, das hast du gut gemacht.

Und wenn Mama mal was zu mir sagt, schreit sie.

Der Sudanese bleibt länger.
Mama und er kriegen Kinder, Zwei Söhne, kurz hintereinander.
Die Prinzen.
Und ich werde zum Kindermädchen und zur Putzfrau.
Haushalt und Kindererziehung, das ist jetzt meine neue Welt.
Mich hat der Sudanese nie geschlagen, meine Mama schon.

Sie konvertiert zum Islam und trägt ab jetzt Kopftuch.
Weihnachten und Ostern werden abgeschafft.
Nicht dass ich nicht vorher schon isoliert gewesen wäre.
Jetzt bin ich endgültig draußen.

Ausserhalb aller Kreise.

Nur meine Brüder und meine Aufgaben.

Irgendwann, Zeit, Jahreszahlen, Daten, oft schwimmend in meinem Kopf, irgendwann will er auf jeden Fall seinen Söhnen die Heimat zeigen.
Ein Urlaub, nur die Männer.
Kein Urlaub. Sie kommen einfach nicht wieder.
Für Mama ist das die Hölle, für mich auch.
Was soll ich denn jetzt machen, so ohne Aufgabe?
Mama fährt hinterher, ihre Söhne zurückholen, sie retten.
Ich soll solange warten.
Ich warte fünf Jahre.
Bleibe zurück.
Ganz alleine.
Mama muss bei ihren Söhnen bleiben, weil sie sie sonst verliert.
Ich verliere auf ganzer Linie.
Ohne meinen Onkel wäre ich in dieser Zeit wohl vergangen.
Alles, was Inhalt war, ist ja weg.
Das Leben bleibt aber nicht mit dir, neben dir stehen, das bewegt sich einfach weiter, und wenn du nicht mitkommst, bist du plötzlich ganz weg.
Meine Lehre schaff ich, grad so, aber ich kann nicht immer funktionieren, mir ist das Alles zuviel.
Menschen kommen mir zu nah, am Briefkasten, in der Bahn, im Supermarkt.

Ich habe dauernd zu wenig Raum.

Bei meinem Freund fühle ich mich sicher, aber auch das klappt nicht für immer.
Ich habe wohl zu viel geklammert.
Trennungen bin ich ja irgendwie gewohnt.
Er ist dann weg, ich bleibe in der Wohnung.
Und denke zu kurz.
Als ich wegen Mietschulden raus muss, wird mir klar, dass er nicht weiter bezahlt hat.
Eigentlich logisch, er wohnt da ja nicht mehr.
Logik, woher soll ich das haben?

Wenigstens habe ich wieder Kontakt zu meinem leiblichen Vater.
Nicht oft, aber es ist gut, daß er irgendwie wieder da ist.

Meine Brüder und Mama sind auch wieder da.
Der Sudanese nicht.
Er darf nicht ins Land, Sozialbetrug nennen die das.
Meine Brüder sind wie Bäume ohne Wurzeln, sie kommen hier nicht klar, sie kamen da nicht klar.
Willkommen in meiner Welt.

Kürzlich ging ich durch die Bahn, ein mittelalter Typ sagte irgendwas, sowas wie: Wie sieht die denn aus?
Hab ich so verstanden.
Und mich verbal gewehrt.
Siehst selbst scheisse aus, so in die Richtung.
Ich bin dann weitergegangen und hab mich irgendwo hingesetzt, wo keiner sitzt.
Nähe vermeiden.
Der Typ ist dann aber gekommen, hat sich mir gegenübergesetzt und mir eine Ohrfeige gegeben.
Einfach so.

Irgendwas stimmt doch hier nicht.

Text und Fotografie: Dirk Könnecke + Martin U Waltz

Violens.org - Geschichten über Gewalt ist ein Projekt des Hamburger Autoren Dirk Könnecke und des Berliner Fotografen Martin U Waltz. Mehr über Dirk und Martin erfährst du hier. Wenn du überlegst, deine Geschichte zu erzählen, schau in die FAQ und nimm mit uns Kontakt auf.