Sabine

sabine Martin U Waltz1

Im Ferienlager.
Der Jugendleiter sagt, dass ich die Beste bin, erwachsen und groß, sogar ein Vorbild für die anderen Kinder.
Das gefällt mir.
Er legt den Arm um mich. Ist irgendwie komisch.
Am nächsten Tag soll ich wieder zu ihm kommen. Es wird komischer werden. Ich weiss das.
Und gehe doch zu ihm.

Ich sehe den Baum durchs Fenster.
Martin U Waltz

Ich lege mich unter den Baum und schaue in den blauen Himmel. Er berührt nur noch meinen Körper.
Ich vergesse das, noch bevor ich mich erinnern kann.
Ich bin ein Kind.

Jetzt bin ich 16.
Mädelsabend. Streit. Mit den anderen mag ich nicht in den Bus steigen.
Ich bin allein an der Bushaltestelle.
Nach Hause?
Schiefe Zähne, wenig Haare, er sieht alt aus, ist er auch, ich weiß noch nicht mal, wo der herkommt.
Irgendwie ist es auch cool.
Den Bus wegfahren lassen.
Die Nacht mitnehmen.
Ich hab den Fluß, der durch meine Stadt fließt, immer geliebt.
Ich kann mich nicht wehren. Meine Handgelenke sind irgendwo über meinem Kopf, seine Hände wie Fesseln, der einzige Schmerz, an den ich mich erinnern kann.
Die Handgelenke.

Danke, war schön mit dir. Er geht.
Martin U Waltz

Ich weiß nicht mehr, wie lange ich da noch gelegen habe.
Es wird schon hell, als ich mich wieder bewegen kann.
Alles tut weh.
Ich gehe nach Hause.
Ich dusche länger als eine Stunde.
Mein Vater klopft und ruft, ich soll kein Wasser verschwenden.
Wir frühstücken, ich sage nichts.
Ich mache einfach weiter.
Nur der Fluß ist nicht mehr mein Freund.

Jetzt bin ich 19.
Meine beste Freundin stirbt.
Nichts geht mehr.
Alles kommt hoch. Auch das Essen.
Psychiatrie. Ambulante Therapie. Wieder Psychiatrie. Noch eine Therapie.
Lange Jahre lang.
Dazwischen bekomme ich einen Sohn. Studiere auch. Bin sehr gut. Wie früher. War ich als Kind ja schon.

Der hohe Turm ist wie eine offene Tür.
Die brauch ich.
Ich halte mir die Tür auf.
Die Höhe wird funktionieren.
Es könnte Ihnen eine Verrückte auf den Kopf fallen, denke ich.
Lustig, oder?
Später hing da ein Netz.
Spielverderber.

Ich checke jedes Haus. Immer.
sabine Martin U Waltz

Hoch genug?

Ich zieh nach Berlin. Zusammen mit meinem Sohn.
Guter Job. Ich helfe anderen.
Gute Freunde.
In Berlin fühle ich mich Nachts sicherer als in Freiburg am Tag. Das klingt komisch. Ist so.
Wieder Therapie. Ich schneide mich. Oft.
Mein Sohn sieht das einmal, ertappt mich.
Mama, was machst du da? Ich will das nicht sehen.
Und danach mache ich das nicht mehr.

Eigentlich wollte ich mit vierzig weg. Da wäre mein Sohn alt genug, dachte ich.
Aber das ist ja schon bald.

Ich habe jetzt erstmal verlängert. Auf fünfzig.

Text und Fotografie: Dirk Könnecke + Martin U Waltz


Violens.org - Geschichten über Gewalt ist ein Projekt des Hamburger Autoren Dirk Könnecke und des Berliner Fotografen Martin U Waltz. Mehr über Dirk und Martin erfährst du hier. Wenn du überlegst, deine Geschichte zu erzählen, schau in die FAQ und nimm mit uns Kontakt auf.

Aus dem Violens.org Blog