Rosa

Sonnenschein.
So hab ich ihn mal genannt, Sonnenschein.
Irgendwas in mir sträubte sich gegen dieses Bild, aber ich habs weggeblendet. Kennengelernt habe ich Daniel in einem Fitness-Studio.
Neben meinem Studium bin ich Model, hört sich flach an, ist aber harte Arbeit.
Auch körperlich.
Ich war nicht auf der Suche nach einem Typen, das ließ meine Zeit damals auch gar nicht zu, Lernen, Shootings, München. War schon viel. Mir taugte das.
Und dann war er halt da, der Sonnenschein.
Er hat mich drei Wochen trainiert, dann wurde er romantisch, ich hab mir das näher angeschaut, und ja, der war gut für mich, der buhlte um mich, hofierte mich, schenkte mir Blumen und nannte mich Göttin.
So wie man sich das als kleines Mädchen vorstellt und wünscht.
Ich war eine Prinzessin.
Zwei Wochen lang.
Dann war ich im Gefängnis.

Der Sonnenschein wurde zur dunklen Seite des Mondes.
Martin U Waltz

Modeln nannte er Prostitution, und wenn ich den Müll rausbrachte, war ich nicht alleine. Meine Wohnungstür wurde hinter mir abgeschlossen, für oft 12 Stunden, wenn wir zusammen waren, eingesperrt in meiner eigenen Wohnung.
Mein Leben war mir abhanden gekommen, in irgendeiner Sekunde.
Und ich wurde zu seinem Komplizen, unfähig, mich dagegen zu wehren.

Bis zum 10.10.
Der Tag, an dem ich sah, dass ich mich verloren hatte, mehr als das, wenn das geht.
Alles.
Sex ließ ich über mich ergehen, Widerstand leisten, das konnte ich zu dem Zeitpunkt längst nicht mehr, mir war das komplett entglitten.
In kürzester Zeit.
Seine Stimmungsschwankungen waren keine Schwankungen mehr, aus dem Sonnenschein wurde in Sekunden ein Monster, um sich danach wieder in ein flehendes Kleinkind zu verwandeln, voll des Bereuens. Durch ein falsches Wort, das Klingeln meines Telefons, eine SMS, irgendwas wurde er zur Bestie, die Todesdrohungen ausspie und mich Jugo- Bitch und Schlimmeres schimpfte. Es gab auch keine Sekunde mehr, in der ich wusste, wer er im nächsten Moment ist, das wechselte so schnell, dass mein Verstand da nicht mehr mitkam.

Ganz schnell hatte ich fast alle sozialen Kontakte verloren, mein Facebook-Account war nicht mehr Meiner, aus 900 Freunden waren 12 geworden, mein Telefon klingelte nicht mehr.
Wie auch?

Klar hab ich das mitbekommen, aber es war so absurd.
Er hatte das fest im Griff, er war gut in solchen Dingen, Accounts hacken, Sein vernichten, Würgegriff, sein Repertoire, Standard.
Für ihn, mir war das so fremd wie der Ritt auf einem Drachen.
Aus den paar Wochen wurden gefühlte Jahre.
Ich weiß nicht, wie er das gemacht hat, aber es war so.

Ich war verloren, im Nirgendwo. Und wußte nicht warum.

An dem Tag wurde aus Anfassen, Schubsen, Stoßen irgendwas Anderes. Etwas Böses.
Ich habe ihm einfach gesagt, daß ich ihn verlassen werde.
Lieber sterben, als so weiterleben, das war mein Gedanke, und der war jetzt da.
Sowas habe ich vorher nie gedacht.
Ich wusste nicht, daß da eine Steigerung möglich ist.
Ist es scheinbar immer.
Komisch, dass ich an meinen Lieblings-Pulli denken muss, den hatte ich an dem Tag an. Das bleibt immer in meinem Kopf, der ist wie ein Beweis, obwohl es Nichts zu beweisen gibt.
Als ich ihn ins Krankenhaus gefahren habe, nachdem er so ein dickwandiges IKEA-Glas, Studenten-Basic, in seiner Hand zerdrückt hatte, das Blut überall in meiner Wohnung, hatte ich den Pulli noch an, und gar nicht gemerkt, dass das so ist.
Mein Gesicht knallte gegen den Esstisch.
In seinen Händen die Glas-Splitter, so seltsam, grotesk, nur ein Bild.
Was soll jetzt noch passieren?
Ich bin auf die Toilette gegangen, den Scheiss irgendwie abwaschen, das war Alles automatisch, irgendwas stimmte hier nicht, ich geh jetzt mal.
Zack, ich falle um.
Etwas Mächtiges.
Hände vors Gesicht, Niemand sieht mich. Missglücktes Versteckspiel.
Mein Bauchgefühl ist da. Zu spät. Es war ja immer da, und ich habe es irgendwie verdrängt, am Anfang.
Ich denke: Das passiert dir nie wieder.
Aber das hier passiert gerade.
Im nächsten Moment liegt er vor mir, in seiner embryonalen Haltung, entschuldigt sich, und möchte von Vorne anfangen.
Mit all dem Blut.

Ich hatte ja Niemanden mehr.
Martin U Waltz

Im Krankenhaus haben wir eine absurde Geschichte erzählt, es gab auch keine Fragen. Seine Krankschreibung war der Super-Gau, jetzt war die Restzeit weg.

Wir gingen auf Wohnungssuche, Seine war weg, Miete nicht bezahlt, irgendwas, ich weiss es nicht, da war nur noch Nebel.
Natürlich weiss ich Heute, dass das sein Plan war, an diesen seltsamen Tagen, wusste ich das nicht.

Das verliebte Paar beim Makler, an Absurdität kaum zu überbieten.
Und ich war mir fremd geworden, manchmal stand ich neben mir und sah mich an. Sah aber nicht mehr mich.

9 Tage später hab ich ihn verlassen.

Beim Fäden-Ziehen, ein Zeitfenster, in dem er mich nicht kontrollieren konnte.
Mein einzige Chance.
In meiner Wohnung habe ich das Nötigste zusammengepackt, in mein kleines Auto.
Zurück nach Garmisch. Ja, zu Mama.
Ich schämte mich, konnte nicht zu einer Freundin, die wussten ja Alle von Nichts, keine Ahnung, Niemand.

Ich hatte ihn verlassen. Er mich aber nicht.

Die erste Mail kam nach 5 Minuten.
Danach kamen Tausende, SMS, Whats-App, E-Mails, unzählige Anrufe.
Ich habe nicht reagiert, aber Alles gelesen.
Er sagte, Ich sei Alles für ihn, nicht nur die große Liebe, die Verantwortliche für Ihn, sein Leben, sein Daniel sein.
Und schuld.

Und auch in Garmisch ist Nichts. Nur Fragezeichen.
Martin U Waltz

Ich hab diese fünf Wochen Beziehung ja nie transportiert, das hat er mir auch verboten, Drohung, Angst, Schweigen.
Meine Familie hat das nicht verstanden, wie auch, ich habe es ja selbst nicht ansatzweise kapiert. Ich wollte sie da nicht mit reinziehen, auch meine Brüder nicht, die auf Vendetta aus waren.
Hätten sie ihn gekannt, wäre ihnen das nicht in den Kopf gekommen.
Blut wird fließen, das stand oft in seinen SMS, viel Blut, mir ist Alles egal ebenso oft, und ich hab das geglaubt und glaube es immer noch.
Die Macht der Angst, und ja, ich hatte mehr Angst um meine Familie und meine Freunde als um mich.
Wie sollten sie das verstehen?

Ich habe mich nie so alleine gefühlt wie im Exil bei meiner Familie.
Unverstanden, an meinem eigenen Verstand zweifelnd, isoliert.
Keine Freunde, keine Bewegung, die nicht sofort von ihm gescannt wurde.
Keine SMS, keine Mail, kein Telefonat, keine Jobs, kein Account, nirgendwo.
Alles weg.
Ich bin allein.
Und diese Schlaflosigkeit, diese Wachträume, in Denen all seine Drohungen wahr werden.

Ich wusste ja auch, dass mein kleines Backpack nicht ausreicht, auf der Flucht.
Flucht ist immer ohne Komfort.
Ich hatte nur das Nötigste eingepackt, also fast Nichts, da war auch kein Nachdenken, keine Organisation, nur Hektik und die Entscheidung, Alles musste schnell gehen.
Ich war wieder ein Flüchtling.
Mein Zuhause war ja nicht mehr bei meinen Eltern, das war in meiner Stadt, die nicht mehr Meine war, weil es Seine war.
So wie mein Leben.
Seins.

Wenn er nicht anrief, waren es Freunde oder Familienangehörige, die mich entweder vor ihm warnten oder mich warnten, mich mit ihm anzulegen, mir drohten.
Sein Vater sagte: Geh nicht zur Polizei, das wird sonst noch schlimmer.

Seine Mutter: Du Flittchen.
Martin U Waltz
Martin U Waltz
Martin U Waltz

Und das waren noch die netteren Varianten.
Diese Wucht an Kontaktversuchen, diese Konstrukte, die Lügen, und dieser Abrisshammer seiner ewigen Präsenz.
So präsent, dass mich meine Vermieterin anrief und fragte, ob das normal sei, daß mein Freund im Winter im Busch vor meiner Wohnung schlief.
Mein Freund, ja klar.

Wenn dein Telefon 400 mal am Tag klingelt, hast du ein Problem.
Wenn dir eine SMS geschickt wird, die aussieht, als wäre sie an jemand Anderen gerichtet, und der Inhalt betrifft Dich, hast du ein Problem.
Und wenn mir das jeden Tag passiert, habe Ich wohl ein Problem.

Ich bin ja selbst schuld, keine Frage. Oder?
Martin U Waltz

Zwischen all dem Terror war eine Nummer, die ich zuordnen konnte.
Das war fast ein Wunder, Daniel hatte so viele Nummern, Prepaid-Handys, wechselnde SIM-Karten, und Leute, die ich gar nicht kannte, die in seinem Auftrag anriefen.
Erwins Nummer auf dem Display zu sehen, das war gut.
Was ist mit deinem FB-Account, hat er gefragt, da ist ja Nichts mehr, geht’s dir gut?
Da hab ich zum ersten Mal ein bisschen was gesagt.
Er hat mir dann die Nummer von Nikolas gegeben, gesagt, ich kann mich dagegen wehren, ihn anzeigen, aus dem Verkehr ziehen.
Nikolas ist Anwalt, tut gut, mit ihm zu reden, er zeigt mir meine Möglichkeiten auf. Anzeigen?
Noch mehr Druck?
Ich wähle die defensivere Variante, ich will nur, daß das aufhört, ich will mein Leben zurück, das ist Alles, was ich will. Kontakt-Näherungsverbot.
Das erwirkt Nikolas.

Das Exil bleibt aber, ich möchte nach Hause,
Ich habs dann versucht, nach Hause zu kommen, nach ein paar Wochen.
Mein Auto habe ich drei Straßen entfernt geparkt, ich bin in meine Wohnung, mein Leben zurückgeschlichen.
Drinnen roch es widerlich, die Pflanzen waren tot, die Teller in der Spüle eine Erinnerung an den letzten Tag, der mir so weit entfernt vorkam, aber immer noch viel zu nah.
Nach fünf Minuten war er da.
Aus dem Nichts.
In meinem Küchenfenster.
Eigentlich irgendwie witzig, der große, starke Körper, der in meinem Küchenfenster feststeckte.
Ich war erstarrt.
Konnte mich nicht bewegen.
Bewegungslos, die Hände wieder vor meinem Gesicht.
Verstecken, nochmal.
Von Witzig war das meilenweit entfernt.

Stillstand, wieder gefangen, Einzelhaft.
Martin U Waltz

Nur noch das Telefon, und er zappelnd im Fenster.
Die Polizei hat ihn dann mitgenommen, verstanden haben Sie Nichts.
Lassen sie ihren Freund doch einfach rein, klären Sie das doch wie normale Menschen. Ist ja Nichts passiert.
Die Sätze hämmern mir noch Heute im Ohr.

Das war der Moment, in dem ich wußte, das hört niemals auf. Und auch der Moment, in dem ich wußte, das hört jetzt auf.

Er ist immer noch da draußen, die Gerichtsverhandlung hat er lächelnd über sich ergehen lassen. Er hatte vorausgesagt, dass ihm Nichts passieren würde.
Eine Bewährungsstrafe, ein bisschen Therapie.
Für mich gibt es keine Bewährung.

Gibt es nicht auf meiner Seite der Angst.

Ich habe mein Leben zurück, hat lange gedauert.

Heute fühle ich mich stark, aber nicht immer sicher.
Martin U Waltz

Text und Fotografie: Dirk Könnecke + Martin U Waltz


Violens.org - Geschichten über Gewalt ist ein Projekt des Hamburger Autoren Dirk Könnecke und des Berliner Fotografen Martin U Waltz. Mehr über Dirk und Martin erfährst du hier. Wenn du überlegst, deine Geschichte zu erzählen, schau in die FAQ und nimm mit uns Kontakt auf.

Aus dem Violens.org Blog