Mina

mina Martin U Waltz

Ich bin nicht wirklich ein Opfer, vielleicht doch, ich kann das nicht richtig einschätzen.
Ich weiß nicht viel über mich, manchmal aber Alles, und dieses Hin und Her in meinem Kopf und meiner Seele lässt mich manchmal durch die Welt laufen, als wäre ich nicht dabei.
In meiner Kindheit bin ich die ältere Schwester, obwohl ich jünger bin.
Meine Schwester ist mit einer schweren Behinderung zur Welt gekommen, ich bin früh eine zweite Mutter für Sie.
Das ist auch ok für mich, auch wenn ich hinter ihr verschwinde und langsam unsichtbar werde. Sie ist meine Schwester, das zählt.
Ich bin auch krank, ich verliere eine Niere.
Noch ein Stück von mir, denke ich heute.

Keine schöne Zeit, nie.
mina Martin U Waltz

Im Spiegel sehe ich kein Mädchen, auch keinen Jungen, lange Zeit sehe ich da ein Es.
Ein Irgendwas ohne Namen, ohne ein Ich, ohne einen Wert in dieser Welt, die so feindlich auf mich reagiert, so teilnahmslos mit mir umgeht.
In der Schule ist es dann ganz vorbei mit mir.
Ich bin eins der Kinder, die mit der behinderten Schwester die gleiche Schule besuchen.
Meine Eltern halten das für eine gute Idee.
Ich nicht, aber für meine Schwester mache ich das.

Hier bin ich auch erst unsichtbar.

Als man mich sieht beginnt etwas, und es ist unmöglich für mich das besser oder schlechter zu finden.
Ich werde auf den Gängen öfter einfach umgestoßen, umgerannt, weggedrückt.
Zwar sichtbar, aber bemerken tue das nur ich.
Kein Lehrer, keine Aufsichtsperson reagiert auf das, was ich täglich erleben muss.
Manchmal halte ich das sogar für normal, aber ich weiß, daß das nicht stimmen kann.
Mit meinen Eltern darüber reden ist nicht drin.
Wir mögen uns, aber da sind eben auch wichtigere Dinge als ich.
Ohne Freunde wird ein Sinn stärker.
Das Ohr.
Ich höre Alles, was um mich herum geredet wird, und es betrifft fast immer mich.
Und Niemand sagt was Nettes über mich.
Das macht mich unglaublich wütend.

Wütender als ich es sowieso schon bin.

In der großen Pause läuft einer der größeren Jungs an mir vorbei und schlägt mir mit voller Wucht in die Magengrube.
Mir geht die Luft aus, so lange, daß ich glaube, sie kommt nie wieder zurück.
Und Alle gehen an mir vorbei, nicht ein Mensch hilft.
Was für Menschen?
Der Schmerz bleibt lange, nicht nur der Körperliche, aber Etwas hat sich verändert.
Ich bin nicht mehr alleine.
Dieser Schlag hat Etwas aufgeweckt, Etwas, das besser schlafen sollte.
Ob das Jeder in sich hat?
So ein Tier, das erst erwacht, wenn man fast vergeht?
Da weiß ich natürlich noch zu wenig von Allem.
Das erste Mal wacht das Tier auf, als ich wieder mal von einem Mädchen aus einer höheren Klasse verarscht werde.
Da bin ich auch komischerweise schon mir mehr ganz allein.
Zu dritt packen wir sie und stopfen sie kopfüber in eine leere Regentonne, halten sie fest, schütten solange Sand in die Tonne, bis nur noch ihre Beine rausschauen.
Ihre Beine bewegen sich auch nicht mehr.
Sie wird aber gerettet, knapp, auf sie hat Jemand aufgepasst.
Ich weiß nur, dass ich außer Freude kein Gefühl empfinde an dem Tag.

Keine Reue, keine Scham.

Gehänselt werde ich ab dem Tag nicht mehr, auch nicht mehr geschlagen.
Ich fühle mich nicht mehr hilflos.
Ich habe danach nie wieder Jemandem etwas getan, ich komme ja einigermaßen mit mir klar.
Lese viel, Anatomie, Killer, Werwölfe.
Werwolf, so nenne ich das Tier in mir.
Es hasst Menschen nicht so wie ich, aber es passt auf mich auf, wenn mir Verhasstes begegnet.

Meine Hoffnung ist es, daß dieses stärker werdende Tier in mir etwas Positives aus dieser Kraft herausholt und mit mir teilt, damit auch ich stärker durch die Welt gehen kann.
Dass wir uns miteinander verstehen und uns gegenseitig helfen.
In meinen Phantasien sehe ich mich erwachen aus einer vergessenen Tat, blutüberströmt, mit einem ausgeweideten Zufall, der neben mir liegt.
Und es gibt nie wieder ein zurück.

Angst macht mir das nicht.

Text und Fotografie: Dirk Könnecke + Martin U Waltz

Violens.org - Geschichten über Gewalt ist ein Projekt des Hamburger Autoren Dirk Könnecke und des Berliner Fotografen Martin U Waltz. Mehr über Dirk und Martin erfährst du hier. Wenn du überlegst, deine Geschichte zu erzählen, schau in die FAQ und nimm mit uns Kontakt auf.