Melanie

Er hat sie umgebracht.
Abgeschlachtet.

Mein Peiniger, mein Arbeitskollege, dem ich fast ein Jahr lang Tag für Tag ausgesetzt war, hat seine Freundin ermordet. Seine mörderische Wut auf Frauen hat sie ausgelöscht.

Ich habe diese Wut erlebt, in allen Facetten.

Beleidigungen, über die unsere Kollegen lachen.
Martin U Waltz violens.org melanie

Bedrohungen, die sich anhören wie nett gemeinte Witze.

Distanzverletzungen, sexuelle Anspielungen, ungewollte Berührungen.

Ich stehe nicht nur auf Männer, ich experimentiere. Frauen sind nicht so wütend.

Ich bin es aber.

Sehr oft.

Ich gehe nicht weiter, wenn ich auf der Straße mit Essen beworfen oder angespuckt werde, wenn mir ein Mann in den Schritt greift, während seine Familie mit ihm spazieren geht.

Ich lasse auch nicht zu, dass dieser Wut gewordene Mann mich behandelt, als wäre ich ein Wegwerfobjekt, Müll.

Ich bin laut, ich dulde es nicht, wenn sich ein Schwanz in einem engen Gang an mir reibt, als wäre es Zufall.

Die Männer glauben dann, man wäre schwer zu kriegen.

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Irgendwie macht sie das noch wütender, die Grenzverletzungen noch intensiver.

Und mich stärker, denke ich.

Meine Wut wächst, mein Widerstand wird Triebfeder.

Einfacher macht es das Alles aber nicht.

Als einzige Frau in der Firma weiss ich ja, dass die Männer Jagd auf mich machen, also fast alle. Es ist in ihrem Blut, in ihrer Erziehung, irgendwie im Land. Das Land, eher eine Kolonie mit US Pass und einem eigenen Wort für den Mord an Frauen – femicidio. 

Unser Boss lacht mit, wenn man mich fragt, ob ich gerne in den Arsch gefickt werde.

Schweigen ist ein Ja, Aufbegehren zweimal Ja.

Jeder Tag in der Firma ist voll von diesen Dingen.

Ich kann mich nicht daran gewöhnen oder es zulassen.

Und Wut reicht nicht mehr als Wort.

Es ist Hass.

Und manchmal habe ich das Gefühl, dass ich komplett alleine bin, weil es nicht aufhört und ich auf dem Weg nach Hause wieder angerempelt werde oder ein Bauarbeiter mit seiner Wasserflasche auf mein T-Shirt spritzt, um meine Nippel zu sehen.

Niemanden schert das.

Ich muss an den Typen denken, mit dem es begann, den ich vor ein paar Jahren auf der anderen Strassenseite gesehen habe. Einer wie Alle. Ein Fussgänger.

Ich hab den Schlag nicht kommen sehen. Es haut mich um. Er haut mich um.

Meine Lichter gehen aus. Kurz. Ich liege auf der Straße. So einfach ist das also.

Und jetzt ist mein Kollege nicht mehr mein Kollege. Mit Mord kommt man sogar in meinem Land nicht wirklich davon. Das kann man nur schwer unter den Teppich kehren.

Sein halbherziger Versuch sich nach dem Blutrausch das Leben zu nehmen wird ihm wahrscheinlich sogar helfen. So ist es eben eine Beziehungstat, daran sind ja immer zwei Menschen schuld.Irgendwann wird er wieder da sein, Psychiatrie, Hausarrest, irgendwas Absurdes.

Er wird wieder da sein. Nicht so wie seine Personalakte, die dick war wie ein Telefonbuch. Seine mörderische Wut war sauber dokumentiert. Doch seine Personalakte verschwindet am Tag nach dem Mord.

Krähen unter sich.

Zeitbomben.

Ich verschwinde auch, verlasse das Land. Ich kann das alles nicht ändern. Aber ich muss diese Wut, diesen Hass loswerden, das wird mir hier nicht gelingen. Nur wenn ich aufgebe.

In Berlin gehe ich Nachts durch die Straßen ohne nachzudenken.

Text und Fotografie: Dirk Könnecke + Martin U Waltz

Violens.org - Geschichten über Gewalt ist ein Projekt des Hamburger Autoren Dirk Könnecke und des Berliner Fotografen Martin U Waltz. Mehr über Dirk und Martin erfährst du hier. Wenn du überlegst, deine Geschichte zu erzählen, schau in die FAQ und nimm mit uns Kontakt auf.