Lea

Martin U Waltz violens

Auf dem Schulhof haben sie gesagt: Ich habe mich erschossen.
Nein, erhängt.
Schulhofgeplapper, wenn man nicht da ist.
Ich lebe ja noch, aber es stimmt, ich habe versucht mich umzubringen.
An dem Tag dachte ich, wenn du jetzt nicht mehr da wärest, wäre es vielleicht besser.
Ich habe die Klinge verschluckt, und es wurde warm in meinem Bauch.
Meine Mama hat mich ins Krankenhaus gebracht.
Ich war 13 Jahre alt.
Niemand nimmt dich ernst, wenn du 13 bist.
Egal, was du erlebt hast, du bist nur 13.
Heute bin ich 17, ist also keine so lange Zeit zwischen dem Damals und dem Jetzt.
Jetzt ist es besser.
Vor vier Jahren war ich zerbrochen, erwachsen genug, um zu verstehen, das was nicht stimmt.
Und zu jung, um ernst genommen zu werden.

Ich gehe auch Heute nicht gerne in Freibäder, mein Körper, so viele Narben, nicht hübsch anzusehen, meine Arme und Beine sind Zeugen, wohl für immer.

Narben halt.

Ich brauchte ein Ventil, um mich von dem Druck zu befreien, einen Druck, den ich gar nicht verstand, weil ich ihn verdrängt hatte.
Und wieder wusste ich, das Etwas mit mir nicht stimmt.
Ich öffnete meine Haut, atmete durch, war kurz Ich, immer nur kurz.
Immer kürzer, immer öfter.
Keine Linderung.

Niemand durfte das sehen.
Niemand durfte das wissen.
Weil ich es Selbst nicht wissen wollte.

Als die Polizei mich das erste Mal befragt hat, habe ich Nein gesagt, da war Nichts, das wüsste ich doch, ich bin ja nicht blöd. Was soll da gewesen sein?
Ich mochte den Mann, er war mein Vertrauter, fast sowas wie ein Vater, ich habe ihm geglaubt.
Ich bin nicht gut in Zahlen oder Jahren, irgendwie ist mir die Zeit abhanden gekommen. Manchmal denke ich, das ist ein Mechanismus, der durch Vergessen einen gewißen Grad an Alltag, Normalität erzeugt. Ich verstehe das ja auch Heute nicht komplett, ich bin 17, immer noch.

Tagesfreizeit, mir gefiel das, ich war 4 oder 5, das spielt auch keine Rolle.
Auf jeden Fall klein, ein Kind halt.
Wir haben gekocht, gespielt, an Wochenenden dort übernachtet, Zelt, Bettenlager, Nähe.

Und ich war sein Lieblingskind.

Auch das gefiel mir.
Deswegen habe ich die Fragen der Polizistin auch nicht verstanden, auch die Aussagen meiner Freundinnen nicht, da war Nichts, ein paar Träume vielleicht, die ich nicht einordnen konnte, ein Geruch, der mich an irgendwas erinnern wollte, ein Geräusch, das einen Nachklang einforderte, aber das war Alles in meiner Schachtel.
Heute weiss ich, Kinder packen Seltsames in eine Schachtel, verstecken sie vor sich und der Welt, unter dem Bett, oder im Kopf, oder im Herzen.
Als das Tagebuch ins Spiel kam, ging die Schachtel auf.
Ich las, was passiert war, war das wirklich passiert?

Meine Freundin hatte das aufgeschrieben, die Polizei hat mich das lesen lassen.
Es stimmt, manchmal habe ich meiner Freundin geholfen aus dem Zimmer herauszukommen. Ich habe gespürt, Irgendwas hat ihr da nicht gefallen, aber was genau? Die Bilder sind unscharf.
Sie hat ja auch Nichts gesagt, oder ich habe es nicht verstanden, aber sie hat es aufgeschrieben.
Nicht nur, was ihr geschehen ist, Alles, was Uns passiert ist, Alles, was sie gesehen hat.
Meine seltsamen Träume waren wohl doch Realität.

Meine Kindheit war dunkel geworden, ich war durchsichtig.

Ich verlor auf einen Schlag mein Leben, von dem ich gedacht habe, so wäre das eben, das Leben.
Ganz normal.
Zu begreifen, was da passiert war, unmöglich für mich.
Ich hatte da ja noch keine Vorstellung von Werten, Moral, Gesetz, auch nicht wirklich von Gut und Böse.
Er sagte doch, es it Alles ok.
Dann ist das auch so.
Aber es bleibt eben nicht so, wenn du über dich liest, dich auf einmal siehst, Nachts, Lieblingskind.
Ich fiel nur noch, mein Gebäude, dass ich über Jahre erbaut hatte, krachte in sich zusammen.
Leise, ein Schweben, ja, ins Nichts.
Und ich wollte nicht mehr sein.
Weder Ich noch überhaupt.

13, ja, das ist so mein Knackpunkt, in dem Jahr war Nichts mehr real, ich hatte mich verloren, keine Stimme mehr, die gehört wurde, keinen Blick in die Zukunft, keine Hoffnung auf irgendwas Besseres. Meine Eltern trennen sich, Mama weint viel, ich bin allein. Das Vergessen, das Verdrängen geht ja nicht mehr.
Das ist keine Seite, die man umblättert, man klatscht nicht in die Hände und sagt, Weiter geht’s, abhaken.

Es ist ja in mir. Teil von mir.

Ich suche einen Therapieplatz.
Einen zu bekommen, fast unmöglich.
Zu jung für eine Therapie.
Du bist ja erst 13, Alles halb so wild, werd 14, dann läuft das.
Ich bin stur, sagt meine Mama.
Bin ich auch.
Ich habe meinen Therapie-Platz in Saarbrücken gefunden, und ich hatte Glück, ein guter Ort, gute Menschen, die mich begleitet haben.
Ein Mädchen dort hat sich umgebracht, während ich da war, wir wurden ja nicht bewacht, sie wollte das wohl komplett vergessen. Schlaftabletten und Alkohol. Sie war 17, wie ich Heute.
Klar, das ging mir nah, aber ich war unter Uns, sozusagen, ich musste mich nicht mehr verstecken, meine Narben waren sichtbar geworden, Jeder dort trug Seine spazieren, es war ok, ich zu sein, und es war auch ok, daß sie gegangen war.
Jeder hat seine eigene Geschichte.
Die Therapie war gut, ich konnte das nicht alleine stemmen.
Diese Erinnerungslücken, diese schwarzen Löcher in meinem Kopf, als hätte Jemand auf die Löschen-Taste gedrückt.
Das blieb einfach, ist immer noch so.

Fetzen, verwischte Bilder, Verwirrung.

Ich hab mich auch nach der Therapie immer mal wieder verletzt, dieses Jahr noch nicht.
Und das macht mich stolz.

Vor mir liegt ja noch soviel.

Orte, Begegnungen, Menschen.

Ich kann gut schlafen, meistens, das hinter meinen Lidern ist manchmal fassbar, weil die Erinnerung daran da ist, andere Träume sind hoffentlich Fantasie, aber ich glaube nicht mehr an Träume ohne Grund. Da ist was.
Manchmal denke ich, ich schaffe es nicht, mir wird Alles zuviel.
Aber ich weiß, daß ich es schaffe, ich habe schon soviel geschafft.
Ich habe ein Buch geschrieben, für mich, dachte ich, das verarbeiten, irgendwie.
Ich habe es veröffentlicht, ich weiß ja, dass ich nur Eine bin, unter Vielen.

Mein Peiniger kommt nächstes Jahr aus dem Gefängnis, dreieinhalb Jahre für 15 Kinder.

Hoffentlich ist die Zeit gut zu mir.
Die, die kommt.

Lea hat ein Buch über ihre Geschichte geschrieben: Mein Leben als Maskenträgerin – Lea Bach

Text und Fotografie: Dirk Könnecke + Martin U Waltz


Violens.org - Geschichten über Gewalt ist ein Projekt des Hamburger Autoren Dirk Könnecke und des Berliner Fotografen Martin U Waltz. Mehr über Dirk und Martin erfährst du hier. Wenn du überlegst, deine Geschichte zu erzählen, schau in die FAQ und nimm mit uns Kontakt auf.

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