Flora

Ich erwache aus einem wunderschönen Traum, und in meinem Zimmer ist etwas Fremdes, Böses, Unsichtbares. Nichts, was sich fassen läßt, nichts Reelles. Die Hand die sich an meinem Bein hochschiebt ist jedoch real. Mein Vater, der mich wecken will, weil ich verschlafen habe? Meine Hände ertasten den Kopf, der zu dieser kriechenden Hand gehört, niemand hier im Haus hat so kurze Haare, niemand atmet so, niemand riecht so. Ich bin fassungslos. Bin ich wirklich wach? Das ist doch ist mein Zimmer, mein Refugium, wer wagt sich diese Grenze zu überschreiten?

Ich werde wütend. Was machst du hier? Was fällt dir ein?

Der Gesichtslose antwortet nicht. Er zerrt an meiner Unterhose, will mich ausziehen. Ich kann das nicht zulassen, ich zerre sie wieder hoch. So geht es hin und her. Da ist keine Angst, aber auch keine laute Stimme, um nach Hilfe zu rufen. Beides ist woanders. Was bleibt ist die Wut und der Wille, das nicht geschehen zu lassen. Die Bücher und Gläser auf meinem Nachttisch, die jetzt fallen, scheinen keine Geräusche zu machen. Ich kann ihn von mir wegschieben, von mir herunter. Immer wieder. Lange halte ich das nicht mehr durch. Er wird stärker. Seine Augen sind trüb, weit weg, unkontrolliert, ohne Fokus. Er sitzt auf mir. Ich gebe auf. Ich kann nicht mehr. Mein Körper ist nur noch ein Stück Holz, mein Gehirn schaltet in den schwarzen Modus. Und dann ist sein Finger in mir. Das ist es, das Unfassbare passiert. Jetzt. Doch nicht so, nicht jetzt, nicht ihm. Ich bin doch noch Jungfrau und so sehr verliebt. Meinen Körper wollte ich nur meinem Geliebten geben. Und plötzlich bin ich stark, völlig wach, zurück in meinem Verstand und meinem Körper.

Unbekannte Kraft

Es geht jetzt ganz schnell, ich befehle hier. Er hat verloren, ich schiebe ihn zur Haustür, durch sie hindurch. Die Sonne geht auf, es ist Mai. Ich töte dich, sagt er mehrmals. Sein erster zusammenhängender Satz. Ich töte dich. Er schaut mich an, ich bin halbnackt. Du musst dir was anziehen, sagt er, du wirst dich sonst erkälten. Ich will nur wissen, warum er bei mir eingedrungen ist. Warum er denkt, dass das in Ordnung ist. Ich frage ihn das immer wieder. Es gibt darauf keine Antwort. Ich halte ihn fest. Er reisst sich los. Rennt davon. Es ist vorbei.

Wo ist die Zeit? War das wirklich eine ganze Stunde? Was ist das für ein Geruch, den ich an den Händen habe, Patschuli?
Meine Nachbarn sagen, dass ich beim nächsten Mal lauter schreien soll. Beim nächsten Mal werde ich dran denken. Die Polizei kommt erst um halb zehn und versteht gar nichts. Meine Eltern, gerade meine Mutter, verdrängen das Thema. Sie schicken mich zur Arbeit. Ich nehme ihnen das nicht übel.
Die Frauen in unserer Familie sind starke Persönlichkeiten, sie mussten das sein, weil sie alleine waren. Meine Großväter haben meine Großmütter verlassen und sich an anderen Ecken der Welt neue Leben aufgebaut. Ich habe die alten Männer der Familie nie kennengelernt. Ich kenne meine Ursprünge nur aus der Sicht der zurückgelassenen Frauen.
Diese Frauen waren immer stark, das wollte ich nie.

Ich bin immer noch verliebt. Und körperlich bin ich immer noch intakt. Ich bin ja stark gewesen, ich habe gewonnen. Natürlich glaube ich das nicht, es gab ja da nichts zu gewinnen.

Mein Geliebter brachte zu Ende, was der Gesichtslose begonnen hatte.

Es ist Zeit, sagt er. Eigentlich ist mir das zu früh. Ich sage nichts. Ich lasse ihn machen. Es fühlt sich an wie eine Fortsetzung. Es ist die Fortsetzung. Er raubt die Trophäe, die ich für ihn verteidigt habe. Lieblos. Geschuldet. Rechtmässig. Und dann ist er weg.

Meine Freunde sagen, mein Gesicht hat sich damals verändert, meine Augen. Liebe und Sex sind für mich ein untrennbares Ideal. One-Night-Stands waren für mich immer ausgeschlossen. Jetzt mache ich das. Es ist wie Essen gehen. Es gibt viele Restaurants. Aber man geht ja nicht jeden Tag ins Restaurant.

Warum auch?

Text und Fotografie: Dirk Könnecke + Martin U Waltz

Violens.org - Geschichten über Gewalt ist ein Projekt des Hamburger Autoren Dirk Könnecke und des Berliner Fotografen Martin U Waltz. Mehr über Dirk und Martin erfährst du hier. Wenn du überlegst, deine Geschichte zu erzählen, schau in die FAQ und nimm mit uns Kontakt auf.