Dirk

15.9.1990

Ich bin Lehrling in Europas größter Buchhandlung, 23 Jahre alt, schlank, nicht übermässig hässlich, wohne mit zwei Freunden in einer Einzimmerwohnung in Köln, 30 Quadratmeter pures Chaos, habe ungeschützten Geschlechtsverkehr mit wechselnden Mädchen und Frauen, feiere gerne, trinke gerne, kiffe täglich und probiere auch sonst Alles aus, was das Leben so zu bieten hat. Geld zerrinnt zwischen meinen Fingern, fünf Autos habe ich zu Schrott gefahren, ab und zu denke ich an Selbstmord.
Ich glaube, ich bin Künstler, habe den Beweis dafür aber noch nicht angetreten, meine Gedichte öffnen Pussies, meine Kurzgeschichten bringen meine Freunde zum Lachen, das reicht mir derweil.
Routinen nerven mich, aber ich ziehe meine Lehre durch, Bücher sind meine Freunde, Wörter meine Leidenschaft, ist wohl mein Ding, das mit der Buchhandlung.
Zukunft ist weit weg, der Moment ist Alles, ich weiß, das wird immer so sein.
Meine Familie ist anders, ist halt so. Wir verstehen uns gut.
Ich finde es gut nicht zu wissen, was im nächsten Moment passiert.

Ein sehr warmer September-Samstag, ein Hoodie und die Lederjacke von Thomas sind fast zuviel, aber ich liebe diese Jacke mit dem Totenkopf auf dem linken Arm und gedenke auch nicht Sie ihm jemals wieder zurückzugeben. Thomas wohnt umsonst bei mir, lügt mir jeden Morgen vor, er würde zur Arbeit gehen, um dann zurückzukommen, wenn ich die Wohnung verlasse. Er schläft dann den ganzen Tag, kifft mein Dope und wartet, bis Frank und Ich von der Arbeit kommen, um uns weitere Lügen über seinen Arbeitstag aufzutischen.

Frank und Ich wissen das, es juckt uns nur nicht mehr. Thomas lügt immer.
Also behalte ich die Jacke, nur fair.

Alle rauchen, Alle saufen, Dopegeruch

Wir sind in einem fürchterlichen Schuppen, Alle rauchen, Alle saufen, Dopegeruch überall, man kann Speed kaufen, machen wir aber nicht, Speed ist für Assis. Keine Pillen, schade, aber war zu erwarten, falscher Club, hier steppt noch der alte Punkbär. Gemischt mit ein wenig Techno, gar nicht so übel. Die Band heißt Paranoid, covert Black Sabbath-Songs und mixt sie mit den neuen Beats, anstrengend aber interessant.
Thomas ist in der Menge verschwunden, Frank rockt neben mir, schüttelt sein dünnes Haar
und freut sich.
Frank eben, mein bester Freund.
So gegen 10 wird mir langweilig, mir wird immer langweilig, wenn ich kein Geld mehr für Bier habe, ich schnorre auch nicht, ist nicht mein Ding. Wenn Keins mehr da ist, geh ich halt nach Hause.
Frank weiß das, der läßt mich dann auch gehen und bleibt, wo es ihm gefällt, eine kurze Umarmung, bis später, Tschöö.
Auf dem Weg zur Bahnhaltestelle genieße ich die Luft, meine Lunge ist meine Schwachstelle, vor kurzem ist mir der linke Lungenflügel kollabiert, spontaner Pneumothorax, nicht meine erste Begegnung mit der Sterblichkeit, aber schon sehr überraschend, wie fragil das System ist. Über so einen Mist muss ich immer nachdenken, keine Ahnung, von wem ich das habe, wahrscheinlich hab ich zu früh die falschen Bücher gelesen, bei mir geht es immer um Leben und Tod, nicht oder. Und.
An der Haltestelle dutzende Leute, Alle auf dem Weg in die City, zu früh, um von Nachtschwärmern zu sprechen, hellwache Party-People, wartend auf den Zug in eine rauschvolle Nacht. Ein paar ältere Leute, vielleicht kommen Sie vom Essen, vielleicht feiern die auch in dem Alter noch, drei ganz alte Menschen, die so angezogen sind, als wäre der Sommer schon Geschichte. Wahrscheinlich laufen die das ganze Jahr so rum.
Ich finde Menschen interessant, um sie dreht sich ja irgendwie Alles, keine Geschichte funktioniert ohne Sie, und Jeder hat Eine. Alles ist Drama und Komödie, Jeder durchlebt das, Jeder weiß, daß seine Geschichte die Unglaublichste überhaupt ist.

Ich glaube, daß ich ein guter Beobachter bin, daß ich Leute gut einschätzen kann, was sie tun, wie sie leben, was sie essen, wie sie sich durchs Leben lavieren. Ich male das mit Wörtern in mein Gehirn, um die Personen irgendwann mal mit auf eine Reise in eine meiner ungeschriebenen Geschichten zu nehmen. So laufe ich eben durch die Welt, überall sind unerzählte Leben, erstaunliche Stories und faszinierende Lebensläufe, gerade in der Mittelmäßigkeit.
Helden langweilen mich wie Fantasiewelten oder Hobbits, hier ist das Leben, Jeder ist eine gute Geschichte.
Ich warte auf die Bahn und hab Lust auf eine Kippe, meistens kommt die Bahn, wenn man
sich gerade Eine ansteckt, auch so ein Mysterium.
Kein Feuerzeug, Frank klaut gerne Einwegfeuerzeuge, mein Vater steckt immer die Kugelschreiber ein, wenn er irgendwo unterschreiben muss, in der Dresdner Bank in Neuwied wissen die das schon und geben ihm das billigste alte Ding zum Unterschreiben.
Rechts neben mir stehen fünf junge Typen, sehen nett aus, unterhalten sich angeregt, witzeln rum, rauchen. Einer hat ein Gipsbein, vollgekritzelt und bemalt, Herzchen und Stacheldraht, witzig. Ehrenfelder Jungs, schätze Türken, in dem Stadtteil normal, Flüchtlingswirrwarr und Herkunftsland-Raten gibt es noch nicht, entweder Deutsch oder Türkisch. Ist so.
„Kann mir Einer von Euch Feuer geben?“
„Klar.“
Der Junge ganz links holt sein Feuerzeug raus, gibt mir Feuer, ich nehme einen Zug.
„Danke.“
Der in der Mitte starrt mich an, ich schaue einfach zurück. Normal.
„Dem hätte ich kein Feuer gegeben.“ Er sagt das zu dem Linken.
„Warum?“
Hat mich interessiert.
Einfach ein zu Wort geformtes Schulterzucken, Nichts, was erklären kann, warum die Zeit plötzlich, zum ersten Mal in meinem Leben, stillsteht, nachdem sie wie von Geisterhand

irgendwie beschleunigt worden sein muß.
Seltsames mechanisches Geräusch in meinem Kopf, es hebelt mich von den Beinen, da ist kein Gedanke mehr, es ist auch keine Zeitlupe oder mit sonst Irgendetwas zu vergleichen, daß ich mal gelesen habe, da ist kein Wort mehr.
Ich falle einfach um, schneller als ein Baum im Wald. Nicht, daß ich das denke, reine Nachdichtung.
Dann ist da nur noch mein Körper, der Etwas macht, ich sehe, was ich tue, aber ich bin das nicht. Beobachter. Seltsame Perspektive.

Ungenaue Geschwindigkeit, aber schnell.

Ich richte mich so schnell auf, wie ich gefallen bin, schon auf den Knien, warum mache ich das?
Bleib doch liegen, was soll das?
Auch das denke ich nicht, weil ich das nicht bin.
Ich sehe das Gipsbein, so wie man eine Kugel sieht, die aus einer Pistolenmündung herausschießt, nämlich gar nicht. Man weiß ja, daß die Kugel da ist, mehr muss man nicht wissen.
Also sieht man sie auch, sie ist da.
Das Gipsbein ist kein Teil eines Beines, es ist nur das Gipsbein, es kracht in das Gesicht und hinterlässt ein Geräusch, daß niemals mehr aus meinem Kopf verschwinden wird, es dringt in meinen Schädel und wohnt dort, für alle Zeit, die mir bleibt. Das weiß ich in diesem Moment, dieses Knacken in mir zerbricht mein Sein, meine Geschichte, mein Ich.
Alles ist klar, ich bin sogar wieder in mir, dieses Rest-Ich in diesem völlig gefühlsbefreiten Körper. Ich stehe, sehe, atme, schmecke, aber ich fühle Nichts.
Ich kann völlig klar denken, bin der Analyse der Situation fähig, ich steuere die ganze Szenerie, der Mensch in mir ist irgendwohin gegangen, er ist weg.
Reine Routine, seelenlos, nüchtern, nie wieder Rausch.
Ich weiß das, es wird nie wieder einen Zustand geben, der mich innerlich bewegen wird, der mich in Verborgenes oder Fantastisches entführen wird, es wird nur noch diesen Zustand geben, diesen Zustand des Nicht-Seins.

Nie wieder ich.

Alles, was war, war.
Alles, was sein wird, war.
Alles was ist, war.
Nie wieder Ich.

Um mich herum ist Alles wieder da, die Menschen, die einfahrende Bahn, mittendrin Ich, ohne Gesicht, ohne Ich.
Ich kann nicht richtig atmen, fasse mir an die Nase, die nicht mehr da ist, wo sie vorher war, es fühlt sich an wie ein Klumpen Matsch mit kleinen Steinchen, es erschreckt mich nicht.
Meine rechte Gesichtshälfte ist irgendwie tiefer, auch das Sehen mit dem rechten Auge fällt mir schwer, mir ist die Perspektive ausgegangen, Links sehe ich so wie ich es gewohnt bin, Rechts ist mein Blick tiefer, als wäre mein Auge nach unten gewandert.
Mit der Zunge versuche ich meine oberen Zähne zu ertasten, in der linken Hälfte Alle da, gerade, wie es sein soll. Rechts sind auch Alle da, sie ragen aber nicht mehr nach unten sondern nach Innen, meine Zunge stößt an die Schneideflächen.
Das passiert Alles in ein paar Sekunden, ich weiß, ich bin schwer, ja schwerst verletzt, mein Kopf ist kaputt, mittendurch gebrochen, ich weiß, ich muss ins Krankenhaus, ich weiß, daß hier genug Menschen sind, die mir helfen werden.
Ich möchte was sagen, meine Lippen sind aufgeplatzt und kommen mir riesig vor, unkontrollierbar, kein Sprechen möglich.
In all der rätselhaften Klarheit wird mir bewußt, daß ich völlig alleine bin.
Die Menschen, Dutzende, strömen in die eingefahrene Bahn, Alle haben es gesehen, sie reden miteinander, sie sind entsetzt, sie tun Nichts.
Habe ich vor fünf Minuten noch für Jeden von Ihnen eine Geschichte gehabt, gibt es jetzt nur noch eine Geschichte für Alle. Eine, die ich nie schreiben will.
Ich verstehe sie ja irgendwie.
Die Jungs, die mich noch immer umringen sind nicht so nett, wie ich gedacht habe, die sind irgendwie gar Nichts, Menschen sind sie nicht.
Tiere auch nicht, Tiere sind nicht sadistisch, Tiere quälen nicht aus Spaß, Tiere sind

menschlicher als diese fünf seelenlosen Gestalten.
Die Lemminge, die in der Bahn Platz nehmen sind auch keine Menschen mehr, das ist nur eine Horde von gleichgeschalteten Scheuklappen-Trägern, die an der nächsten Station Mich und meine blutende Fratze vergessen werden.
Auch dabei empfinde ich fast Nichts, der Schock schützt mich vor jedem Gefühl.
Die Fünf nehmen mich in ihre Mitte und schleppen mich in die Bahn.
Ich verstehe, die wollen ja auch in die Stadt. Nett, dass sie mich mitnehmen.
Die Leute stehen höflich auf und setzen sich, eng gedrängt ans andere Ende des Waggons, so daß wir drei Zweier-Reihen für uns alleine haben.
Mir schießen Szenarien durch das Restgehirn, ein Teil davon hat sich über mein Sweatshirt ergossen, so sieht es aus. Aber Denken geht, wie gesagt, in völligem Bewusstsein meiner Situation.
Ich sterbe, ok, ist die wahrscheinlichste Option.
Entweder, weil die Verletzung so schlimm ist, wie meine Zunge mir vermittelt hat oder weil die Jungs mich noch weiter durch die Stadt schleifen, mich irgendwo endgültig fertigmachen und dann entsorgen, im Rhein oder irgendwo im Stadtpark.
Mit Hilfe rechne ich nicht, es sei denn, die Polizei wird auf uns aufmerksam.
Absurd, niemals in der Bahn, ich hab in der Bahn noch nie einen Polizisten gesehen.
Oder ich überlebe, irgendwie.
Analoge Zeiten haben ihre Tücken.
In dieser Gegenwart gibt es keinen Fehler im Programm, kein Flehen nach der digitalen Welt, die wir nicht kennen, nach der unbegrenzten Macht der mobilen Allerreichbarkeit.
Die kann mich nicht retten, es gibt Sie nicht.
Das Gipsbein zeigt mir sein Messer, fordert mich auf meine Jacke und meinen Gürtel auszuziehen.
Ich sage ihm in meiner neuen Sprache, daß das nicht geht, weil mir sonst die Hose rutscht und mir die Jacke nicht gehört. Sie finden das lustig, ich meine das aber ganz ernst, Prinzipien kann man nicht erschlagen.
Die Stationen kommen und gehen, Zeit ist ja schon vorher ein Rätsel gewesen, jetzt gibt es das Rätsel nicht mehr, weil die Zeit ja weg ist.
Irgendwas mache ich richtig, die Fünf wissen plötzlich wenig mit sich und mit mir anzufangen, die Messerspielchen an meinem Hals hören nach und nach auf, der Eine, der mit seinem überflüssigen Satz erst dafür gesorgt hat, daß mein Ich in Ehrenfeld im Gleisbett liegt, ohne Zuhause, versucht die Anderen weiter aufzustacheln. Es gelingt ihm nicht mehr, sie haben Angst, und er am Meisten.
Ich glaube das jetzt gar nicht, aber es ist so.
Sie sehen, was ich bin, sie haben mich mitgenommen, sie müssen mich ansehen, sie haben gar keine Wahl. Sie sitzen im selben Käfig wie ich und erschrecken sich über das, was sie getan, mir angetan haben.
Ich weiß, ich werde das überleben, ich denke nicht darüber nach, wie ich aussehe, nicht, was Morgen ist, ich weiß, ich werde überleben.
Eine Station später geleiten sie mich raus, sie schleppen mich nicht, sie stützen mich.
Sie setzen mich auf die Bank der Haltestelle, das Gipsbein sagt, daß es ihm leid tue, daß sie wohl den Falschen erwischt haben, daß sie was genommen haben und irgendwie komisch drauf sind.
Dann gehen sie.
Ich auch, nach Hause.
Frank und Thomas sind noch nicht da.
Ich mache kein Licht an.
Ich überlege, ob ich einen Krankenwagen rufen soll, aber ich bin so müde.

So müde.
Ich schlafe.
Ich?

Es gibt kein Wenn und kein Aber in getroffenen Entscheidungen, es gibt keinen Fehler im Programm, es gibt kein Programm und es gibt keine Umkehr der Schritte, die man geht.
Selbst wenn man stehenbleibt passiert, was passiert.

Text und Fotografie: Dirk Könnecke + Martin U Waltz


Violens.org - Geschichten über Gewalt ist ein Projekt des Hamburger Autoren Dirk Könnecke und des Berliner Fotografen Martin U Waltz. Mehr über Dirk und Martin erfährst du hier. Wenn du überlegst, deine Geschichte zu erzählen, schau in die FAQ und nimm mit uns Kontakt auf.

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