Bryan

Zwei Tage danach gehe ich in Jeremys Wohnung. Sie sieht so aus wie Meine, er ist ja mein Nachbar, die Appartements hier sind alle gleich.

Der Flachbildschirm fehlt, die Stereoanlage auch, Vieles ist weg.

Jeremy auch.

Die Wohnung hat nichts mehr von Jeremy, seine Persönlichkeit ist weg, seine Energie ist weg, seine Seele ist weg. Es ist ein Raum ohne Erinnerung an Jeremy.

Blut ist hartnäckig, diese dicken Teppiche hier saugen alles auf.

Auch Erinnerungen.

Gestern war seine Mutter hier und musste sauber machen. Blut, Hirn, Scheisse.

Ich kann aber noch Alles sehen.
Bryan

Realität in Texas.

Nur Jeremy sehe ich nicht mehr, als wäre er nie hier gewesen.

Plopp.

Plopp, Plopp, Plopp.

Ich sitze auf meiner Couch, kiffe, höre Musik.

Das Geräusch kenne ich, hört man hier oft.

Keine Fehlzündungen. Schüsse. Texas halt.

Ein Mädchen schreit, Jemand rennt an meiner Tür vorbei.

Noch Jemand rennt, in die andere Richtung.

Kommt von nebenan, da, wo Jeremy wohnt.

Jeremy, auch so ein Pot-Head, 20 Jahre alt, ein Baby.

Das Baby, das vor einem Jahr mit 250 Kilo Gras an der mexikanischen Grenze erwischt wurde.

Seine Tür steht offen.

Der Geruch von Pfefferspray, ein bisschen Pulverdampf.

Ich sehe JP. Smoking Buddie. Auf Jeremys Rücken.

Ich sehe JP. Seine Hand, sein Messer.

Ich sehe JP. Er tötet Jeremy.

Er hat offensichtlich Spass dabei.

„Ich hab dich, ich hab dich, ich hab dich.“

Ich höre JP.

Ab da ist es wie ein Film.

Es passiert, was passiert.

Ich bin high.

Auf einer Droge, die man nicht kaufen kann.

Ich bin in einer anderen Welt, völlig klar, angstfrei und über den Dingen.

Die beste Droge der Welt.

Ich ziehe JP von Jeremy weg. Ich nehme ihm das Messer ab. JP lässt es geschehen

Er kniet neben mir und wippt vor und zurück, immer wieder.

„Ich hab dich, ich hab dich, ich hab dich.“

Winke-Winke-Katze mit Sound.

„Alter, was hast du gemacht.“

„Fertig habe ich ihn gemacht. Fertig. Fertig. Fertig.“

„Ja, hast du, Mann.“

Wir kichern.

Jeremy ist ein Fetzen Mensch, er gurgelt aus unzählbar vielen Löchern in seinem Shirt, sein Kopf ist auch irgendwie nicht mehr da. Ich drehe Jeremy um.
Ich kann ihn doch nicht mit dem Gesicht im Teppich sterben lassen.
Unter seinem rechten Auge klafft ein kleines Loch.

Seine Augen sind offen, ich weiss nicht, wo er jetzt ist, hier ist er nicht mehr, weg ist er auch nicht.

Irgendwie sieht er überrascht aus.

„Gute Reise“, sage ich.

„Grüß mir die andere Seite.“

„Wir sehen uns.“

So einen Unsinn sage ich und ich meine es so.

Jeremy sieht immer noch überrascht aus, als das Gurgeln endet.

Ein paar Nachbarn stehen in der Tür, sie kommen aber nicht rein.

Ich weiss, was sie sehen.

Ich mittendrin.

Was interessiert es mich?

Ich rieche kein Pfefferspray mehr, ich merke nicht, dass mir die Tränen runterlaufen.

Ich sehe die Gehirnstückchen, die mal hier, mal dort liegen.

10 Minuten bis die Cops kommen

JP wippt und weint.

Nur der Text ändert sich.

„Mein Homeboy, mein Homeboy“

Nichts mehr von Ghetto.

Ich sehe das Böse.

„Wo ist die Waffe?“, schreien die Cops.

Ich weiss nicht, wo die Waffe ist.

Darüber habe ich gar nicht nachgedacht.

Was für eine Waffe?

Ich sitze 8 Stunden auf dem Rücksitz des Streifenwagens, aus dem Fenster sehe ich Jeremys Mutter ankommen, sie kippt um.

Tage später verlasse ich meine Wohnung, Jeremys Wohnung, diese Orte ohne Seele. Mein blutiges T-Shirt habe ich eine ganze Weile behalten, weiss auch nicht warum.

Ich denke an meine Schwester. In den Kopf geschossen, als sie im falschen Revier Drogen verkaufte. An meine Mutter. Überdosis. Ich habe sie nie kennengelernt.

Ich verlasse Texas.
Und nehme Jeremy mit.

Text und Fotografie: Dirk Könnecke + Martin U Waltz

Violens.org - Geschichten über Gewalt ist ein Projekt des Hamburger Autoren Dirk Könnecke und des Berliner Fotografen Martin U Waltz. Mehr über Dirk und Martin erfährst du hier. Wenn du überlegst, deine Geschichte zu erzählen, schau in die FAQ und nimm mit uns Kontakt auf.