Ben

Martin U Waltz

Es ist ein harter Abend im Club.
Ich habe die Hauptbar, die Beste, um Geld zu verdienen.
Wir laufen auf Kronkorken. Der Alkohol fließt in Strömen.
Eine Berlin House Party. Viele Stiernacken, Aufgepumpte mit ihren Püppchen. Alle bis unter die Schädeldecke voll mit Pillen, Speed oder Koks. Alles wie immer.

Ich mag Speed eigentlich nicht.
Martin U Waltz

Heute mache ich eine Ausnahme, ist jetzt schon ein langer Abend. Zieht sich gewiss noch eine Weile.
Ab und zu mal ein Jägermeister, Red Bull, ein schnelles Bier. Irgendwer gibt Einem ja immer ein Getränk aus.
Erleichtert das Arbeiten bis zu einem gewissen Punkt, dann wird’s irgendwann schwierig.
An meiner Bar hängt ein seltsamer Vogel herum, ich schätze, er hat 2 oder 3 Pillen intus, auf Kuschelkurs, und komplett pleite.
In solchen Zuständen kann man eben saufen ohne Ende, der Alkohol kommt da nicht mehr durch. Ab und und zu schiebe ich ihm ein Bierchen rüber, aber das hört einfach nicht auf. Irgendwann mache ich ihm einfach eine Mega-Mischung Jäger-Punsch, das größte Glas, das wir haben und sage ihm, dass das jetzt das letzte Getränk ist.
Er ist happy, und geht auch.
Der Rest der Nacht, Routine, solche Nächte enden ja irgendwie erst, wenn die Letzten fallen.
Um 9 Uhr sind vielleicht noch 40 bis 50 Leute da, ich kann anfangen, meine Bar zu schließen und ans Aufräumen zu denken.
Vorher noch eine Nase, ich bin müde, angetrunken und drüber.
Auf dem Weg zur Toilette fallen mir diese dunklen Flecken im Vorraum auf. Naja, Flecken. Spuren der Nacht.
Auf dem Rückweg kommt mir ein Kollege mit so einer Notfalldecke entgegen, die, die auf der einen Seite Gold, auf der anderen Silbern ist, er sagt was von Messerstecherei.
Irgendwie dringt das nicht wirklich zu mir durch, die dunklen Flecken überall, die sehe ich jetzt klarer.

Blut.

Nächster Raum.
Martin U Waltz

Ein Mann am Boden, die Augen zu, regungslos, zwei unserer Türsteher neben diesem Haufen Mensch.
Mein schnorrender Barfreund schreit tonlos. Nur mit Mühe zurückgehalten.
Ein anderer Mann, bewegungslos ein paar Meter entfernt, seine Nase steht absurd ab.

So als hätte Jemand versucht, sie ihm aus dem Gesicht zu reissen, auch da viel Blut.
Lärm, den ich nicht höre. Unbewegtes Entsetzen.
Alle gefangen. Der Typ mit der zerstörten Nase. Festgefroren.
Der von meiner Bar, eine auf Rauschen reduzierte, absurde Filmsequenz in Zeitlupe.

Die Situation ist zu groß für mich.

Mein Gott, der stirbt, denke ich.
Denke ich?

Ich nehme seine Hand. Halte sie. Ich weiss nicht, ob er noch lebt.
So ist das, wenn die Seele den Körper verlässt.

Unsinn. Seele. Tod. Gedanken ungefiltert. Resthirn rattert.
Martin U Waltz

Alle sehen mich an. Oder?
Die Sanitäter kommen, die Polizei, Starre weicht Hektik und Kontrollversuch.
Ich lasse seine Hand los. Geh irgendwie los, ein Kollege bei mir.
Der findet das Messer. Lag halt einfach da.
Ab da funktioniere ich, Notstrom.
Um die Gäste kümmern, sollen ja alle noch aussagen.

Mein Chef weint, läuft vor dem Club auf und ab. Eigener Zustand, Mischung aus Entsetzen und Zusätzen, no control.
Sag ihm, dass die Polizei da ist, vielleicht hat er das ja übersehen.

Der Mann ist wirklich tot.
Vielleicht war er schon tot, als ich seine Hand gehalten habe. Ich weiß es nicht.
Ich stehe einfach da, slow motion im Zeitraffer.
Irgendwann bin ich mit der Truppe auf dem Kiez. Stunden später.

Der Club, die Musik, die Drogen, das war kein Tatort. Mehr ein Traum, aus dem wir auch am helllichten Tag nicht mehr rauskommen.

Wir trinken, kiffen, killen den Tag.

Gehen nach Hause.
Wachen auf.
Martin U Waltz

Text und Fotografie: Dirk Könnecke + Martin U Waltz


Violens.org - Geschichten über Gewalt ist ein Projekt des Hamburger Autoren Dirk Könnecke und des Berliner Fotografen Martin U Waltz. Mehr über Dirk und Martin erfährst du hier. Wenn du überlegst, deine Geschichte zu erzählen, schau in die FAQ und nimm mit uns Kontakt auf.

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