Anja

Ich möchte einfach liegenbleiben.
Frage mich, wie Einkaufen funktioniert.
Ich bleibe oft liegen.
Und gehe nicht einkaufen.

Ich bin Architektin.
Super Examen.
Kann mich nur nicht bewerben.

Mein Leben ist wie ein Theaterstück, ein Absurdes.
Keine Struktur, keine Akte, keine Szenen.
Es bleibt, was keinem Zeitpfeil folgt.

Die Zeit flutscht mir durch die Finger wie Seife.
anja Martin U Waltz

Nach unserem Asientrip war ich mir sicher, ich kann wieder in diese Stadt zurück. Ich bin stark, die Stadt ist groß.
Ich hab Ihn an meiner Seite.
Sicher.
Die Stadt ist auch Erinnerung.
Mutter.
Ich kann das nicht ertragen, diese Lügen.
Immer präsent. In jeder Farbe der Stadt.

Mutter wollte nur das Beste von mir.
Und ich war die Beste.
Das hat ihr nie genügt.

Mutter nimmt mich mit.
Daddy hämmert auf das Autodach, wir fahren los.
Ich bin Vier. Mein Vater verschwindet.

Ich esse, meine Mutter möchte, dass ich die Wäsche im Keller aufhänge. Was ich natürlich machen werde.
Wenn ich aufgegessen habe.
Meine Mutter reisst den Stuhl weg, auf dem ich sitze.
Ich falle.
Sie schleift mich an den Haaren durchs Zimmer, die Kellertreppe hinunter.
Ich hänge die Wäsche auf.

Ich werde krank, Durchfall, Magenkrämpfe, unschöne Zuckungen, Schweiss, Angst. Nicht diagnostizierbar.

In meinem Bauch ist Wahrheit.

Springe aus dem Auto. Fliehe in die Klapse. Ich gehöre da nicht hin, sagen Die.
Ich habe keine Wahl.
Da bin ich 17.
Ich geh aber auch wieder weg.

Mal zu Freundinnen, oft zu meiner Psychologin, dann irgendwann woanders hin.
Nach Wismar.
Weit weg erstmal.
Ich bin ja erwachsen.
Im Spiegel sehe ich meine Mutter und hasse mich.

Ich kann was.
Das hab ich ja gelernt, die Beste zu sein.
Aber geglaubt habe ich das sowieso nie.

Ich war weg von zu Hause, der Typ war interessant, mein Vermieter, eigentlich eine klare Warnlampe, no good, no good.
Älter als ich, erfahren.
Cool, bisschen viel Schminke, sozusagen, ich bin ja nicht blöd.
Ich fand den gut.
War irgendwie einfach, selbes Haus, kurze Wege, nicht die große Stadt.
Und er eine Basis.
Bis ich ihn verließ.
Das Haus aber nicht verlassen konnte.
Ich sah das ganz sachlich, drei Monate Kündigungsfrist, sowenig Kontakt wie möglich.
Im selben Haus.
Das Stalking begann schnell.
Anrufe, Internet-Facebook-WhatsApp, Zettel an der Tür.
Freunde, die anriefen, unterdrückte Nummern, Vermittlungsversuche.
Und da bin ich.
Überfordert und müde.
Warum ziehe ich nicht direkt aus?
Wohin?
Ich bin nur Ich.

Meine Oma war da.
Immer noch Wismar.

Ich rauche draussen. Er ist plötzlich da.

Sagt, dass es albern ist, draussen zu rauchen, wenn man erwachsen ist.
Einen Tee?
Warum nicht?
Warum?
Ich weiss es nicht.
Als ich aufwache, ist meine Hose unten.
Er über und in mir.
Ohne mich, mich gibts da nicht mehr.

Später hab ich geduscht.
Vergessen, Verwässern.
Dachte ich.
Funktioniert nicht.

Ich muss zurück in die grosse Stadt.
anja Martin U Waltz

Text und Fotografie: Dirk Könnecke + Martin U Waltz


Violens.org - Geschichten über Gewalt ist ein Projekt des Hamburger Autoren Dirk Könnecke und des Berliner Fotografen Martin U Waltz. Mehr über Dirk und Martin erfährst du hier. Wenn du überlegst, deine Geschichte zu erzählen, schau in die FAQ und nimm mit uns Kontakt auf.

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